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Träume in Blau


Titelmotiv mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Heinremann

Lyrik & Prosa von Marianne Riefert-Miethke 76 Seiten
10,00 Euro




Monolog

Du hast dich abgegrenzt.
Verschanzt du dich hinter einer undurchdringlichen
Maske - wie all die andern?
Selbst wenn du meine Worte - auf Papierfetzen ge-
kritzelt - in roter, grüner, blauer Tinte - Zeugnis meiner
Verwirrung - verbrennst, kannst du sie nicht ungesagt
machen.
Mußt du dich abgrenzen, um dich einzugrenzen?
Warum mußt du Zäune, Schutzwälle erbauen?
Was kann meine Verwirrung in dir anrichten?
Die Freiheit des einen hört da auf, wo sie die ande-
ren verletzt. Alles andere habe ich gewollt, nur nicht,
dich zu verletzen.
Ungefiltert sind meine Worte aus der Seele geflos-
sen. Sie haben das Geröll langer Jahre mit sich gerissen,
haben sich gestoßen durch die Wucht des Aufpralls,
wollten Flüsse eindämmen, haben die Kontrolle verloren
über sich. Meine Worte sind über die Ufer getreten,
haben mich - fast - ertränkt, haben den Stein des Wei-
sen weit hinter sich gelassen, haben nach Auswegen
gesucht, nach Umwegen.
Haben dich meine Worte angegriffen? Haben sie
Inhalte deiner Seele aufgegriffen und zu einem Strom
geführt? Sind sie zu einer Strömung angewachsen, die
dich die Machtlosigkeit von Kontrolle ahnen ließ?
Ungesagte Worte können krank machen.
Gesagte Worte stehen breitbeinig da, lassen sich
nicht auslöschen, wollen das auch gar nicht. Ein Wort
kommt zum anderen. Wortketten können die Stärke von
Panzerketten erreichen. Ihre Kraft zu durchbrechen, ist
schwer.
Wenn Gefühle nicht zugelassen, nicht ausgedrückt
werden, glaubst du, sie hätten dann weniger Kraft?
Worte können Wünsche sein.
Worte können - wie Wünsche - Ordnungen erschüttern,
sie durchkreuzen, können Unruhe erzeugen.

Was geht es dich denn an, wenn ich dich liebe?
(Goethe - Wilhelm Meister)

Rezension: Träume in Blau

Das Leitmotiv beschränkt sich nicht allein auf die Farbe Blau. Immer wieder greift die Autorin die Themen Träume, Angst, Liebe und Reisen auf. Ihre Sprache ist durchweg romantischen Ursprungs, obgleich sie nicht anachronistisch anmutet. Selbst das Symbol der originären Romantik-Epoche, die "blaue Blume" greift Marianne Riefert-Miethke auf, macht sich jedoch nicht auf den Weg, diese wie die Romantiker zu suchen. Im Gegenteil: sie hat sie nicht nur bereits gefunden, sondern sie selbst ist zu ihr geworden, zu einem "Männertreu von kräftigem Blau" (Blaue Blume). Und immer wieder sind es die Begriffe "Worte" und "Wörter", mit denen die Autorin auf eine fast surrealistische Weise spielt. Sie fliegt und reitet auf ihnen; sie versucht, die Menschen zu fesseln im Garn ihrer Worte und selbst dann, wenn die Worte sanft ausfallen, vermögen sie zu treffen wie Keulenschläge. Die Autorin will ihre Leser auf ihre "Worte setzen" und mit ihnen durch die Welt reisen.
Die Offenheit der Autorin zeigt das Vertrauen in den Leser, in die Mitmenschen, denn eine Preisgabe der Gefühle führt zwangsläufig zu Verletzungen. Sie weist selber auf die Stellen ihrer Verletzlichkeit hin, an denen sie getroffen werden kann. Hier läßt sich unschwer eine Affinität mit Else Lasker-Schüler erkennen. Marianne Riefert-Miethke läßt sich jedoch nicht beirren auf ihrem Weg, auf dem sie keine Resignation zuläßt, sondern trotz aller Sensibilität große Hoffnung und starken Lebenswillen bezeugt. Nach einer neuen Enttäuschung jedesmal ein neuer Aufbruch: "Romane in die Ecke werfen. Und endlich leben." (Der See)

Helga Rost

© Marianne Riefert-Miethke