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Wildwuchs unter der Haut

Titelmotiv mit freundlicher Genehmigung von Ingrid Heinemann

Lyrik & Prosa von Marianne Riefert-Miethke 80 Seiten
10,00 Euro





Textbeispiel aus "Wildwuchs unter der Haut"

Wildwuchs unter der Haut Seite 57

Worte fressen sich durch Schichten, setzen in Brand, lodern und schütten Jahre zu, decken auf und verlieren den Mut. Worte wärmen die Eingeweide, fressen sich durch Därme, bohren, nagen, fragen, suchen den Weg, den einzigen, den wahren - Worte wachsen Mühen zu, wedeln, winken, wortlos ersticken Träume, dem Abgrund zugewandt, spucken Klumpen aus Teer, rollen sie den Berg herab, Worte wollen wählen, wollen den Willen festhalten, das Feuer, das tobende, drohende Feuer zügeln, Worte wachsen sich aus zu Bergen.
Worte wollen festhalten, schleudern Hindernisse weit, weit fort in den Schlund des Wortfressers, dieses Kannibalen, der seine Artgenossen frißt, ohne Ehrfurcht. Verletzungen, Wunden, Hiebe, Stiche, Krieg der Worte. Wort gegen Wort, bis an die Zähne bewaffnet, rotten sie sich zusammen, die Heerführer und melden die Kunde vom Wortkrieg.
Die Kampfgenossen rasseln mit den Ketten, bellen heisere Schreie in den Wind.
Standartenführer der Angst - halten die Wortbataillone an - sie walzen alles nieder - im Namen der Wahrheit. Welche Wahrheit wählen wir heute? singt der Chor und Ingeborg Bachmann wirft Zeilen ein: Sei ohne Sorge - sei ohne Sorge.
Worte, wählt den Tod -im Namen der Wahrheit. Hustet dem Feind euren zurückgehaltenen Zorn ins Gesicht. Worte, wehrt euch - wehrt ab den Verfall- versucht den Weg zu gehen, unbeirrt, den Weg, der euch retten könnte, wenn gesehen würde, wie ernst die Sache ist. Worte, greift nicht zu Lügen, nicht zur Werbung, nicht zur Effekthascherei.
Behaltet eure Würde.

Rezension Wildwuchs unter der Haut

Die dritte Buchveröffentlichung von Marianne Riefert-Miethke ist zugleich ihr schmerzhaftestes, fragilstes und dennoch hoffnungsvollstes. Der Wildwuchs macht nicht Halt unter der Haut, er frisst sich wie ein futuristisches Fabelwesen aus Wortsubstanzen weiter ins Innere, wühlt und bohrt sich einen Weg hindurch zur vermeintlichen Wahrheit. Die Autorin wendet sich direkt an die Worte, personifiziert sie, denn hinter Worten stecken Menschen. Sie weist ihnen den Weg ins Schweigen und gleichsam zur kontrollierenden Vernunft (Wildwuchs unter der Haut, S. 57).
Im Gedicht "Das Leben als Reise" sind es die Worte, die ihr "wie Pfeile" unter die Haut geschossen werden und die Vergänglichkeit der Liebe ins Bewusstsein katapultieren. Worte, ja ganze Wortwälder sind ihre Werkzeuge: Manchmal klingen Wörter wie ein Glasperlenspiel. Selbst die Stummheit ist ein Kommunikationsmittel, gibt ihr Trost und Schutz (Flucht).
Und immer wieder ist es der Verlust, den die Autorin in aller Offenheit beklagt. Erschütternd der Schrei nach der Mutter, die sie verlassen hat und deren Tod sie nicht wahrhaben will. "Mit den Fäusten - da schlag ich an Wände" - verzweifelte Wut über die Verwaistheit und die Einsamkeit bäumen sich in ihr auf und verebben in ergebender Stille (Mutter, du bist fortgegangen, S. 34). Ganz anders, voller Zärtlichkeit nimmt sie Abschied von ihrer Tochter, beobachtet deren Metamorphose und entlässt traurig, aber zugleich freiwillig den kleinen Schmetterling ins "eigene Leben" (Für meine Tochter, S. 31.).
Biographie durchzieht ihren Band: die glückliche Kindheit, die Kinderehe noch vor dem Abitur, die frühe Verantwortung für die eigene kleine Familie, das schlechte Gewissen beim heimlichen Rendezvous mit einem anderen Mann (Um die gleiche Zeit, S. 65/66). Und dann der verzweifelte Kampf um eine erkaltende Liebe. Die Liebe geht bekanntlich durch den Magen, und aufgeregt rührt sie den Kuchenteig, bis sie der "telefonische Schuss mitten ins Herz" trifft. Aber sie stellt sich der Realität, verliert nicht die Kontrolle über sich selbst. Erst später "stampfen ihre Füße auf dem Gesicht des Mannes ...herum", erst später entlädt sich ihre Wut und Enttäuschung - symbolisch natürlich, denn das Gesicht befindet sich auf einer Leinentasche (Schneeschmelze, S. 35).
Der Leser, die Leserin erfahren mit diesem Band einen aufgefächerten Einblick in eine dichotome Gefühlswelt. Resignation und Hoffnung, Temperament und Stille, Einsamkeit und Geborgenheit winden sich durch Gedichte und Prosa. Aber immer gewinnen schließlich die positiven, ermutigenden Elemente im Werk der Autorin den Kampf gegen die zerstörerischen Substanzen und hinterlassen in einer zerrissenen, kalten Welt beim Rezipienten einen trotzenden, lebensbejahenden Nachklang: Kopf hoch und "behaltet eure Würde" (S. 57).
Helga Rost

© Marianne Riefert-Miethke